Rezension: Goldrausch im All

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Titelbild: CC0

Das Geschäft mit dem Weltraum ist derzeit populär wie nie zuvor. Unternehmer wir Elon Musk und Richard Brason und Jeff Bezos sind längst nicht mehr nur in Insiderkreisen, sondern mit ihren Unternehmungen auch außerhalb der Raumfahrtbranche bekannt. Nicht zuletzt durch spektakuläre Werbeaktionen wie seinen eigenen Tesla ins All zu schießen, werden diese Unternehmer „Popstars“ auch im Mainstream.

Der rasante Fortschritt in allen möglichen Technologiefeldern hat einen regelrechten Boom an Raumfahrt-Firmengründungen ausgelöst – vor allem in den USA, aber auch in unseren Breiten. Dieses Gewirr an Firmen sowie rechtlichen, unternehmerischen und politischen Geflechten ist auch für Kenner sehr undurchdringlich – für Außenstehende umso mehr. Der Journalist Peter Schneider hat sich diesem Gewirr angenommen und ist ihm in seinem Buch Goldrausch im All auf den Grund gegangen.

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Sein Buch ist im Finanzbuch-Verglag erschienen und ist 400 Seiten dick. Es ist in vier Teile geteilt, die sich verschiedenen Aspekten der Raumfahrt widmen.

Der erste Teil stellt dem Leser die verschiedenen Spielfelder und Spieler der Raumfahrtbranche vor. Er beschreibt die Milliardäre und ihre Unternehmen, samt ihrer Werdegänge und Historie, sowie die Geschäftsfelder in denen sie tätig sind. Das reicht von den großen Raketen über Mond- und Marsflügen zum einfachen Weltraumtourismus, der im Grunde nur auf einem leichten „Hopser“ in die obere Atmosphäre beruht.

Im zweiten Teil wendet sich Peter Schneider dem „new space“ zu – er geht auf die technischen Veränderungen der letzten Jahre ein, die dafür gesorgt haben, dass sich das Geschäftsfeld der Raumfahrt verändert hat, z.B. Commercial-of-the-Shelf Bauteile, d.h. „handelsübliche“ Elektronik und Komponenten (also z.B. Prozessoren), die statt dedizierten Entwicklungen für Weltraumanwendungen eingesetzt wird.

Der dritte Teil beschreibt den Einfluss der NASA auf den Raumfahrtmarkt und wie sich die Bürokratie und Auftragsvergabe der NASA im Laufe der Jahrzehnte verändert und somit letztlich den aktuellen Boom in der Raumfahrt ermöglicht hat.

Im vierten Teil wird erklärt wie neue Unternehmen Geld akquirieren und wie in der Vergangenheit Unternehmen auch wieder untergegangen sind.

Das Buch ist in einem ungewöhnlichen Stil geschrieben – ein Stakkato von Fakten, Fachmeinungen und Rückblicken. Zu Beginn wirkt dies wirr und verwirrend, im Laufe des Buches gelingt es aber besser diese Informationen zusammenzubringen und zu einem Ganzen zu fügen. Das Thema, das Herr Schneider beschreibt, ist wirr. Auf seine Art hat er sich dem gut gestellt.

Besonders gut hat mir gefallen, wie „intim“ die Portraits der Akteure geraten sind, die dadurch nicht nur eine menschliche Dimension erhalten, sondern vor allem auch nachvollziehbar in ihrem Handeln werden. Ebenso deutlich werden die Unterschiede der Akteure in ihrer Handlungsweise und ihrer Motivation.

Hier und da ist der Autor sehr plakativ. Er schreibt zum Beispiel von mächtigen NASA und ESA-Raumfahrt-Managern und überschätzt dabei wohl ihre Macht. Am Ende hängen sie genauso vom Willen der Politiker ab, wie alle anderen auch, die ihnen Geld zuweisen oder eben nicht. Die Entscheidungen treffen sie nicht selbst.

Zu Beginn des Buches ist der Fakt doch recht verschleiert, dennoch wird es im Laufe vor allem der letzten beiden Teile deutlich, dass es – bei aller Aufbruchstimmung – gar keine echte kommerzielle Raumfahrt gibt, da die meisten Anwendungen am Ende doch durch staatliche Mittel finanziert sind. Behörden, allen voran die NASA, haben bestimmte Dienste ausgelagert, aber bezahlen tun noch immer sie die Zeche, Standards wie Telekommunikation einmal ausgenommen.

Bisweilen vereinfacht Herr Schneider die technischen, bzw. physikalischen Zusammenhänge doch sehr stark. So schreibt er in seiner Erläuterung zum Thema Orbits, dass ein Raumfahrzeug bei ausreichender Geschwindigkeit ab 100 km nicht mehr abgebremst wird und sich im Orbit befindet – was nicht stimmt, denn die Abbremsung durch die Atmosphäre ist doch erheblich, gerade auf diesen geringen Höhen. Er erläutert an späterer Stelle selbst die Notwendigkeit zum Wiederanheben von Orbits welche durch Abbremsung auch weit oberhalb von 100 km noch degenerieren. Ähnlich plakativ erklärt er die verschiedenen Orbitarten, welche er als „einfache geometrische Formen“ beschreibt – was aber nur in erster Näherung stimmt. Orbits unterliegen ständig Störungen, die sie von diesen Formen abweichen lassen, z.B. durch besagte Abbremsung, gravitative Einflüsse von anderen Himmelskörpern oder dem Solardruck. Dadurch weichen die Bahnen von den Idealformen ab, was den Betrieb der Satelliten in der Realität sehr komplex macht. Zugutehalten muss man, dass das Buch auch kein Fachbuch zu den technischen und physikalischen Hintergründen ist. So sind diese Ungenauigkeiten zu verzeihen.

Bei den rechtlichen und vertraglichen Tücken setzt Herr Schneider dagegen weniger auf Vereinfachung. Beispielsweise wird von ihm gut das Vorgehen des „Barterns“ erklärt, d.h. wie andere Organisationen mit der NASA Dienste gegen Plätze auf der Internationalen Raumstation (ISS) tauschen, so z.B. die Versorgungsflüge des ATV.

Die Stärke des Buchs sind in jedem Fall die zahlreichen Anekdoten und Detailinformationen, die im gesamten ein sehr umfangreiches Bild der kommerziellen Raumfahrt seit ihrem Beginn gibt. Ein Beispiel dafür wäre z.B. der Versuch von McDonnell Douglas in de 80ern eine Pharmafabrik im All zu errichten.

Das Fazit des Buchs ist durchaus kritisch, auch wenn vor allem der erste Teil noch sehr euphorisch klingt. Seine eigene Euphorie und Begeisterung für Raumfahrt ist dem Autor anzumerken und steckt durchaus an – wobei er da bei mir natürlich offene Türen einrennt. Insgesamt kann ich sagen, dass man mit dem Buch einen guten Überblick über die verschiedensten Raumfahrtunternehmungen erhält und die richtigen Stichworte, um sich ggf. noch weiter zu informieren. Wer einen solchen Überblick wünscht, dem sei das Werk ans Herz gelegt. Mir hat es gefallen.

 

Anmerkung: Zur Verfassung der Rezension habe ich ein Ansichtsexemplar bekommen.

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